Ansprache zum Neujahrsempfang 2012

10. Januar 2012 | Von | Kategorie: Leitartikel

Liebe Leser meines Blog,

heute möchte ich Ihnen meine Rede zum Neujahrsempfang der Stadt Glauchau am 6. Januar 2012 zur Verfügung stellen. Die Freie Presse berichtete in ihrer gestrigen Ausgabe von der schönen Veranstaltung im Stadttheater.

Wir in Deutschland,
wir in Sachsen,
wir in Glauchau

leben mitten in einem Menschheitstraum! Ja, das ist ein großes Wort! Und dennoch: Wir werden – oft bei bester Gesundheit, in einer meist friedvollen Umgebung – immer älter. Kritiker verweisen darauf, dass der Frieden in unserem Land so selbstverständlich erscheint, dass wir unser friedvolles Miteinander zu gering schätzen. Andere bemängeln, dass zu wenige Kinder geboren werden – in Glauchau nur ca. 400 pro Jahr – um diesen Traum mit uns zu leben. Ich nenne diesen Prozess: Demografische Entwicklung.

Darüber und über zwei, drei andere Themen, die nur gelegentlich oder nie in der Zeitung stehen, möchte ich mich mit Ihnen unterhalten. Unterhalten? Zugegeben, ich werde sprechen und sie werden – hoffentlich – zuhören.

Meine Damen und Herren, als Vertreterin des Glauchauer Stadtrats darf ich in diesem Jahr zu Ihnen sprechen. Ich begrüße Sie, liebe Gäste unserer Stadt und Sie, liebe Glauchauer, im Namen des Stadtrats auf das Herzlichste.

Heute, am 6. Januar 2012 haben wir an der Amtseinführung unseres Superintendenten, Herrn Johannes Jenichen teilnehmen dürfen. Es erfüllt uns mit Respekt und Dankbarkeit, dass die Synode entschieden hat, den Sitz des neuen Kirchbezirks Glauchau-Rochlitz nach Glauchau zu legen.Stellvertretend für den Stadtrat sage ich: Ein herzliches Willkommen, Herr Jenichen, Ihnen und Ihrer Familie! Wir freuen uns auf eine konstruktive Zusammenarbeit.

Der Amtssitz von Herrn Jenichen am Kirchplatz befindet sich auf einem der sieben Hügel unserer Stadt. Für uns Glauchauer ist es zur Gewohnheit geworden, von unserer „Stadt auf sieben Hügeln“ zu sprechen. Bei genauerer Betrachtung, trifft dies für das heutige Glauchau nicht mehr zu. Zur allgemeinen Beruhigung – uns sind keine Hügel abhanden gekommen – im Gegenteil! Die Geschichte unserer Stadt hatte in den letzten knapp 100 Jahren eine Vielzahl von Eingemeindungen zu verzeichnen. Damit wurde die Fläche von Glauchau größer, aber auch die Anzahl der Hügel hat sich – vorsichtig geschätzt – wenigstens verdoppelt. Und wer weiß, vielleicht steht in 20 Jahren ein Stadtrat hier und sagt: Zu Glauchau gehören 7 x 7 Hügel!

Nun haben wir bereits heute viele Hügel, Brücken, Straßen, Wege und Plätze sowie unzählige wertvolle Gebäude (Post, Bahnhof, Schlösser, Schulen, Theater…) in unserer Stadt. Das ist ein wichtiger Teil unseres gemeinsamen Erbes! Die Nutzung der geerbten Schätze ist, unter modernen Maßstäben betrachtet, ehrgeizig. Und wir alle tragen Verantwortung dafür. Übrigens – die letzten Eingemeindungen liegen 20 Jahre zurück. Niederlungwitz, Reinholdshain und Wernsdorf – auch diese drei Gemeinden haben Hügel und – Brücken mit nach Glauchau gebracht.

Ich will nicht abschweifen und über Brücken sprechen, denn dann würde es Mitternacht werden bis Sie, Herr Oberbürgermeister mit uns anstoßen können. Gestatten Sie mir stattdessen ein paar Gedanken und Betrachtungen der (sieben) Hügel von Glauchau.

Was braucht es, um auf den Hügeln und um die Hügel herum eine moderne Stadt zu bauen? Geld! Geld, das ist immer die erste und leichteste Antwort. Hinterfragen wir die Einnahmen unserer Stadt! Glauchau bekommt pro Jahr mehr als 17 Millionen € vom Freistaat, vom Bund und der Europäischen Union. 17 Millionen, das ist schon ein ordentlicher Batzen Geld, den wir nicht selbst aufbringen müssen. Aber nach Glauchau mit seinen vielen Hügeln, fließen noch wesentlich mehr Gelder. Gelder, die unsere Stadtkasse nicht belasten.

Weithin sichtbar steht auf einem der Hügel das Kreiskrankenhaus Glauchau. Ein Beispiel für den gelungenen Umgang mit unserem Erbe. In den letzten Jahren hat das Team um Dr. Knöfler, gemeinsam mit dem Landkreis und einem verantwortungsbewusstem Aufsichtsrat, ein Gesundheitszentrum besonderer Güte entwickelt. Das Gesundheitszentrum ist eine Investition in die Zukunft und eine Aufwertung von Glauchau. Dazu nur zwei Zahlen, im Jahr 2011 wurden auf diesem Hügel von Glauchau 12,5 Mio. € investiert, im Jahr 2012 werden es 7,5 Mio. €. 20 Millionen, die unserer Stadt zugute kommen, unsere Stadtkasse aber nicht belasten.
Mein Beispiel soll stellvertretend alle Unternehmen, Vereine, privaten Investoren und Bürger würdigen, die einen Beitrag zur Modernisierung unserer Stadt leisten.

Lassen Sie es mich bitte noch einmal deutlich sagen: egal, ob wir über die Arbeit des landwirtschaftlichen Unternehmens auf den Hügeln von Ebersbach, den Heimatverein mit dem Wasserturm und der Sporthalle in Gesau, die Gastronomie in Vogtlaide, die Händler der Innenstadt, unsere kommunalen Gesellschaften oder die privaten Häuslebauer in Wernsdorf sprechen – sie alle tragen wesentlich zur modernen, anspruchsgerechten Entwicklung unserer Stadt bei. Die Aufzählung kann nicht abschließend sein. Bei allen, die zur guten Entwicklung unserer Stadt beitragen, bedanke ich mich im Namen des Stadtrats.

Sprechen wir über unsere Stadt – sollten wir uns auch die Zeit nehmen, noch einen Satz zu den Altersdurchschnitten zu sagen.

Glauchau: 47,3
Sachsen: 46
Deutschland: 44

An diesen drei Zahlen sehen wir, dass Glauchau in der demografischen Wirklichkeit schon sehr lange angekommen ist. Kollegin Helga Scheurer war eine der ersten, die mit ihrer Arbeit um „Neues Altern in der Stadt“ für gute Lösungsansätzen sorgte. Wir alle sind nun gefordert, aus diesen Ansätzen tragbare Lösungen für unsere Stadt zu erarbeiten.

Es gibt Stadtteile in Glauchau, für die besondere Maßnahmen aus der demografischen Entwicklung abzuleiten sind. Kollege Andreas Salzwedel verweist seit mehreren Jahren sachlich darauf, dass für den Stadtteil Sachsenallee Entscheidungen zu treffen sind. Ja, es ist richtig – wir müssen Entscheidungen treffen. Gute, vielleicht auch schmerzliche Entscheidungen auf einer soliden Basis und zum Wohle unserer Stadt.

Unsere Bürger dürfen zu Recht davon ausgehen, dass der Stadtrat seiner zentralen Aufgabe nachkommt und das zur Verfügung stehende Geld bestmöglich zum Erhalt unseres Erbes und zur Entwicklung unserer Stadt einsetzt. Über das WIE können wir trefflich streiten. Eine etwas spöttische Bemerkung verbunden mit einem Wunsch, gestatte ich mir an dieser Stelle. Ich wünsche mir, dass es immer ein paar Einwohner in Glauchau gibt, die für Veränderungen und neue Ziele sind, denn nur dadurch wird die Möglichkeit eröffnet, dass andere dagegen sind. Meinungsverschiedenheiten geben uns die Möglichkeit für Diskussionen und Spannungen und nur dadurch kommt es zum Fortschritt. Und ich glaube, Fortschritt wünschen wir uns alle für unsere Stadt.

Mit dem Fortschritt unserer Stadt verbinde ich auch einen kurzen Blick in die Geschichte.

Lassen Sie mich in der jüngeren Geschichte beginnen:

2002, vor 10 Jahren, wurde Glauchau vom Jahrhunderthochwasser überrascht. Die Hochwasserschutzmaßnahmen werden uns auch in den nächsten Jahren noch beschäftigen.

1992, vor 20 Jahren, wurden Wernsdorf, Reinholdshain und Niederlungwitz eingemeindet.

1932, vor 80 Jahren, wurde die Flutrinne als Hochwasserschutz für Glauchau gebaut,

1923, vor 90 Jahren, wurde die neugebaute Scherbergbrücke als Verbindung zwischen zwei Hügeln übergeben.

1902, vor 110 Jahren wurde die Pestalozzischule eingeweiht. Heute unser Gymnasium, es steht auch auf einem Hügel, mit 11 Millionen € saniert – ebenfalls eine wichtige Zukunftsinvestition.

1712, vor 300 Jahren, hat Glauchau mitsamt der Stadtkirche, der Georgenkirche, gebrannt. Die Stadt und auch die Georgenkirche wurden wieder aufgebaut und Gottfried Silbermann bekam den Auftrag eine Orgel zu bauen. Die Silbermannorgel unserer Stadtkirche ist eine der größten und schönsten, die Silbermann baute. Dass sie heute wieder im alten Glanz strahlt und erklingt, wie von Silbermann konzipiert, verdanken wir Herrn Hubert Hofer aus Bonn. Seine großzügige Spende hat die Restaurierung 1998 erst möglich gemacht. Richtig ist auch, dass die heutige, internationale Resonanz auf die Glauchauer Silbermannorgel wesentlich von unserem Kirchenmusikdirektor Herrn Schmiedel fachkundig und geschickt befördert wird.

Es gab neben vielen anderen verdienstvollen Glauchauern, einen Bürger, der Eindrucksvolles geleistet hat.
Er wurde 1892, vor 120 Jahren – leider nicht in Glauchau – geboren. Gelebt und gearbeitet hat er in Glauchau in den Jahren 1929 bist 1937 als Lehrer in der Lehngrundschule. Sein Name war Albert Sixtus und eines seiner Bücher – er hat es in Glauchau geschrieben – „Die Häschenschule“, hat es zu Weltruhm gebracht. Der Bestseller, der aus seiner Glauchauer Zeit stammt, zeigt nur einen kleinen Teil seines Schaffens in unserer Stadt. Sixtus hatte keine gute Zeit in Glauchau! Er hat sich gegen nationalsozialistisches Gedankengut ausgesprochen und sich damit den Repressalien der Obrigkeit ausgesetzt. Aber auch in der DDR wurde es nicht besser. Seine Bücher wurden nicht verlegt. Wir sollten gemeinsam darüber nachdenken, wie wir einen so aufrechten, ehemaligen Bürger unserer Stadt würdigen können.

Bevor Sie jetzt wie Tucholsky denken:Sie sprach so viel, dass ihre Zuhörer davon heiser wurden“, verabschiede ich mich von Ihnen mit den besten Wünschen für das Jahr 2012 und mit ein paar Sätzen des Naturwissenschaftlers Pascal (gestorben 1662 in Paris). Sein Name wird noch heute als Maßeinheit für den Luftdruck verwendet:

Es gibt bereits alle guten Vorsätze, wir brauchen sie nur noch anzuwenden.”

Diesem Satz ist nun wirklich nichts mehr hinzuzufügen. Gehen wir an die Arbeit! Packen wir’s an!

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